Ziemlich feste Freunde - warum der Freundeskreis heute die bessere Familie ist by Lang Susanne

Ziemlich feste Freunde - warum der Freundeskreis heute die bessere Familie ist by Lang Susanne

Autor:Lang, Susanne [Lang, Susanne]
Die sprache: deu
Format: epub
veröffentlicht: 2014-06-25T00:00:00+00:00


Beste Verräterinnen

Eine Frau liegt auf einer Matratze auf dem Boden. Sie blickt prüfend zu der anderen Frau, die sich vor einem Spiegel hin- und herdreht, wippt und den Saum des kurzen bunten Trägerkleidchens zurechtzupft.

NIKE (auf der Matratze): »Er zieht vielleicht bei mir ein.«

Die Gesichtszüge von Katrin vor dem Spiegel frieren ein. Sie schweigt.

NIKE: »Komm, versau uns nicht den Abend, das ändert doch nichts zwischen uns.«

Schnitt. Die beiden fahren durch die Stadt. Schweigen sich an. Kommen irgendwann in einem Klub an. Sitzen nebeneinander und trinken Cocktails.

KATRIN: »Von einer Freundin habe ich was anderes erwartet.«

NIKE: »Du sollst mir Mut machen.«

KATRIN: »Warum sitzen wir hier überhaupt?«

NIKE: »Dann lass uns gehen.«

KATRIN: »NEIN! Ich will bleiben.«

NIKE: »Ich bin nicht so verwöhnt. Es passiert nicht so oft, dass ich mich verliebe.«

KATRIN: »Was ist denn daran Liebe?! Er war fast mein Mörder, haste das vergessen!«

NIKE (steht auf und geht): »Das ist mir echt zu doof.«

Wie es zwischen den beiden Mittdreißigerinnen läuft, wenn es harmonisch und nicht doof ist, zeigt Regisseur Andreas Dresen ganz am Anfang des wunderbaren Films Sommer vorm Balkon: Beide teilen hoch oben auf dem Balkon eines Altbaus am Prenzlauer Berg weniger ein Klagebündnis als einen doch hoffnungsvollen Weltschmerz. Nike, die Altenpflegerin, und Katrin, die arbeitslose Alleinerziehende, träumen bei Wodka und Sternenhimmel vom Glück, im Leben nicht einsam zu sein. In diesen Momenten sind sie es nicht. Auch ohne Mann, nach dem sie sich beide sehnen. Als der in ihr beider Leben einrauscht, zuerst Katrin beinahe überfährt und dann schließlich mit Nike eine Affäre beginnt, stimmt zwischen den beiden etwas Entscheidendes nicht mehr: jenes »Geht mir genauso«-Gefühl. Katrin fühlt sich zurückgesetzt. Nike leidet unter der Missgunst.

Es folgen: Alkoholabstürze, ein Psychiatrieaufenthalt sowie enttarnte Abgründe des neuen Chauvis in Nikes Leben: Er ist bereits verheiratet und hat eine Handvoll Kinder von diversen Frauen. In einem unterscheiden sich Nike und Katrin jedoch von vielen alltäglichen besten Freundinnen: Es gibt keinen Abbruch ihrer Freundschaft, sondern nur Krisen. Am Ende trinken Katrin, Nike und ihr Ronald gemeinsam Kaffee. Und Katrin und Nike teilen sich nach etwas Abstand wieder ihren Balkon.

So fantastisch das klingen mag, Regisseur Andreas Dresen hat bei aller wunderbaren Freundschaft die Melancholie nie vergessen, die diese Beziehungsform begleitet: Wie kann man sich wirklich sicher sein, dass die Freundin Freundin ist, und vor allem, dass sie es auch bleibt? Im Unterschied zu den eingeschworenen Frauenbanden, die uns Serien wie Sex and the City und neuerdings Girls vorführen, ist es bei Nike und Katrin nie so wirklich klar, ob die beiden enge Freundinnen bleiben werden. Es könnte jederzeit kippen.

Die Serien und ihr Erfolg sagen vielleicht mehr über unser Wunschdenken als die Realität. »Freundinnen, das sind die Familie des 21. Jahrhunderts«, so behauptet es Carrie Bradshaw alias Sarah Jessica Parker in Sex and the City. So ist es leider nicht. Schon eher haben sich unsere Familien unseren Freundschaften angenähert, im positiven wie im negativen Sinn. Sie sind weniger autoritär und nicht zwangsweise bis ans Lebensende bindend, falls die Beteiligten darunter leiden. Dafür sind sie aber auch fragiler und schneller aufzulösen, wenn das Glücksversprechen nicht mehr trägt.



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